Hinter den Kulissen des Volleyball-Supercup

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Als ich suchend durch die Katakomben dieser großen Arena irre, vorbei an zahllosen Requisiten und Technikutensilien, stehe ich plötzlich vor einer riesigen Sponsorentafel in der „Mixed Zone“. Die grellen Scheinwerfer blenden mich. Hier werden also die Spielerinnen und Spieler nach der Veranstaltung der Presse Rede und Antwort stehen, so erschließt sich mir, also kann doch die Halle selbst nicht weit sein. Und tatsächlich: einen Vorhang weiter eröffnet sich mir der Blick in die Halle.

Gemeinsam mit meinem Kollegen Matthias Killinger moderiere ich heute den Volleyball-Supercup.
Gemeinsam mit meinem Kollegen Matthias Killinger moderiere ich heute den Volleyball-Supercup.

Das ist sie also die große Mercedes-Benz Arena, die ich sonst nur aus Fernsehbeiträgen kannte. Aber sie wirkt irreal klein und so gedrungen, als ich näher an das bereits aufgebaute Volleyballfeld trete. Dahinter türmt sich eine riesige Bühne auf, auf die mit riesigen Spots die Logos von Sat.1 und das der Veranstaltung geworfen werden. Als ich dann aber auf die Zuschauerränge schaue, die so hoch gebaut sind, dass im schummrigen Licht der Hallenbeleuchtung die oberen Reihen gar nicht mehr sichtbar sind, realisiere ich die wahre Größe der Halle.

Hier soll ich also moderieren? In einer Halle, die eine fünfstellige Zuschauerzahl fasst? Gemeinsam mit dem hochklassigen Sat.1-Moderator Matthias Killing? Hier soll ich also später vor Tausenden von Menschen den Einlauf conferencieren? Mein Puls steigt minütlich.

108:30 – Der Event-Fluß reißt mich mit

„Hi, Daniel! Schön, dass Du da bist!“ Ich schüttle unzählige Hände und lerne im Minutentakt zahlreiche neue Gesichter kennen. Alles Personen mit wichtigen Funktionen, aber ob ich mir das alles so schnell merken kann? Der großgewachsene Mann steuert die LED-Banden und braucht später von mir ein Kopfnicken, sobald ich anfange, die Team-Aufstellungen anzukündigen. Eine kleinere Frau drückt mir ein Mikrofon mit dem Kommentar „Soundcheck um halb Elf“ in die Hand. Die Event-Koordinatorin der Volleyball Bundesliga händigt mir weitere Ablaufdaten aus. Der erste Interviewgast begrüßt mich, Moderator Matthias Killing ist da, kurzes Hallo und dann schon ein weiterer Schulterklopfer: „Regiebesprechung! Kommt mit, Jungs!“.

209:00 – Regiebesprechung

Detailliert gehen wir alles durch. Sogar bis hin zum Sekundentakt. Fast 40 Leute drängen sich um einen großen Eventplan. Fernsehen hier, Event-TV dort, DJ, Moderation, Ton, Licht und ganz viele Leute, von denen ich nicht weiß, welche Aufgabe sie haben. Wie in der Vorlesung schreibe ich brav alles mit. Ablauf, Kamerapositionen (für das Event-TV in der Halle), wann und wo ich wie zu stehen habe. Wenn es nur noch eine Chance gibt, dass ich mir das Alles behalten will, dann muss ich Schritt-für-Schritt, Aufgabe für Aufgabe alles abarbeiten, denke ich mir, und kritzele wie wild auf meinen Moderationskarten herum.

Zeit für eine kleine Pause. Ich verschwinde kurz im Backstage. Dort habe ich endlich Gelegenheit für eine Absprache mit Matthias Killing und dem DJ Jörg Günzel. Matthias wird als bekannter Moderator von Sat.1 die Eventmoderation übernehmen, also die Eröffnung, Programmführung und die Siegerehrung. Ich darf den sportlichen Teil übernehmen, also die klassische Hallensprechertätigkeit.

310:35 – Lampenfieber

Soundcheck. Läuft gut. Obwohl ich eigentlich bei Tonmenschen unbeliebt bin. Mein Stimmvolumen ist ziemlich groß und ich gelte im Allgemeinen als „Mikrofon-Schreier“. Aber das haben die Profis am Mischpult gut im Griff. Als ich meine Stimme in der bislang nur mit Volunteers gefüllten Halle höre, steigt mein Lampenfieber ins Unermessliche. Denn ich weiß, jetzt gibt es kein Zurück mehr. Das musst Du jetzt schaukeln, Daniel. Soundcheck geht mit den Live-Acts weiter: YouTube-Sternchen Nicole Cross, der Schauspieler und Musiker Tom Beck sowie Marquess geben mir einen ersten Eindruck, wie das Event später aussehen könnte. Während ich lausche, baue ich meinen Arbeitsplatz auf und schließe meinen Laptop an, auf dem ich alle nötigen Informationen für das Event gespeichert habe. Fast zehn Stunden an Vorbereitung stecken in den Dateien: Daten, Statistiken, Absprung- und Blockhöhen, Fakten, Statements und Vorberichterstattung.

Noch mehr Personen drücken mir Karten mit Werbebotschaften und Presenterships in die Hand: „Nicht vergessen, ja? Der Sponsor muss das unbedingt hören!“ Wieder ein Backflash ins Studium: „Live-Kommunikation sind Maßnahmen und Aktivitäten, die mittels einer direkten und persönlichen Kommunikation in einem inszenierten, erlebnisorientierten und in der Regel emotional ansprechenden Umfeld wirken.“ Dieser Satz kreist gerade in meinem Kopf, als hätte ich statt meinem Laptop das Lehrheft aufgeschlagen. Und beim Blick auf die mittlerweile geordneten Moderationskarten, sowie auf das Probengeschehen mit den wilden Lichteffekten, den lauten Bands und dem Setup der Halle mache ich einen gedanklichen Haken an diesen Merksatz.

412:00 – Es geht los…

Die ersten Zuschauer strömen in die Halle. Und mit ihnen setzt das große Zittern in meinen Händen ein. Ich weiß, dass mindestens 5.000, eher 6.000 Menschen kommen werden. In etwa so viele Karten wurden im Vorverkauf abgesetzt. Und die Halle füllt sich erstaunlich schnell. Die müssen schnelles Kontrollpersonal haben, denke ich. Und wieder reißt der Eventablauf mich mit. Die erste Anmoderation von Matthias Killing läuft und ich weiß, dass er gleich auf mich überleiten wird, um mit einem Interview-Partner zu sprechen. Mein Gast ist Ralph Barnstorf, der an diesem Tag als Videobeweis-Schiedsrichter die Premiere dieses Regelmittels einsetzen wird.

Und mit meinem ersten Wort ist die Anspannung weg: die Worte sprudeln nur so aus mir heraus und ich muss mich innerlich zügeln, nicht ins „sülzen“ zu geraten. Matthias Killing und ich überbrücken die Zeit bis zum Showbeginn spielend.

5 13:00 – Die Saison 2016/2017 ist eröffnet!

Spielszene: Berlin vs. Friedrichshafen

Er ist es auch, der die Eröffnungsshow moderiert, während ich kurz entspannen darf. Ich genieße, wie der Auftritt von Nicole Cross das Publikum mitreißt. Ich habe den Eindruck, die Menschen, die sich für eine Eintrittskarte bei diesem Supercup entschieden haben, werden relativ schnell merken, wie ansprechend das neue Eventkonzept ist. Der erste große Applaus scheint meiner Einschätzung Recht zu geben. Da ist sie auch schon die Überleitung von Mattthias und ich hole tief Luft, um mit der passenden Event-Stimmlage zuerst den Deutschen Meister und Pokalsieger Dresdner SC aufs Feld zu rufen, anschließend den Vize-Meister Allianz MTV Stuttgart. Der Puls ist riesig hoch, als die komplette Halle dunkel ist, nur ein Spot sowohl die aufgerufene Spielerin als auch mich beleuchtet. Jetzt bloß nicht verhaspeln, jetzt bloß keinen Namen falsch aussprechen, jetzt bloß nicht die Stimme „quäksig“ werden lassen. Alles läuft gut. Das Schiedsgericht wird als letztes aufs Feld gerufen und jetzt ist es an mir, die Menge zum Mitklatschen zu animieren, um so eine erste Stimmungskostprobe in Richtung Court zu schicken. Der DJ unterstützt mich mit dem passenden Jingle und fast 6.000 Menschen machen das, was DJ und ich in der Moderation vorgeben.

615:20 – Der erste Supercup-Sieger: Allianz MTV Stuttgart

Das Spiel zwischen Dresden und Stuttgart ist recht schnell zusammengefasst. Stuttgart dominiert, leistet sich zwar im dritten Satz einen Ausrutscher, macht den Sack aber dennoch unerwartet schnell zu und schlägt Dresden mit 3:1. Die Stimmung ist gut, ich erhoffe mir aber noch eine Steigerung zum Supercup der Männer. Schließlich kommt der amtierende Meister und Pokalsieger aus Berlin und hat somit viele Fans vor Ort. Der DJ Jörg Günzel übernimmt die kurze Pause zwischen dem Frauenspiel und dem Männerspiel und überbrückt mit Musik, während die Männer sich schon wieder auf dem Platz einschlagen.

7 16:10 – Tom Beck eröffnet die Saison der Herren

Auftritt von Tom Beck beim Supercup.

Wieder ein Live-Act. Tom Beck tritt auf. Dieses Mal lässt er nicht Autos in waghalsigen Stunts als „Cobra 11“ über die Autobahn segeln, sondern zeigt, dass er ein feinfühliger Musiker ist, dem sofort die knapp 6.000 Menschen in der Halle zu Füße liegen. Sie klatschen und singen mit, sind sofort in den Act eingebunden. Während ich auf meinem Laptop die Moderationsdatei mit den Fakten zum Männerspiel öffne, schweift mein Gedanke zur betriebswirtschaftlichen Theorie der Faktorkombination zurück. Wenn ich jetzt also gleich Berlin und Friedrichshafen aufs Feld rufe und das Publikum somit zum Klatschen und Anfeuern bewege, bin ich dann das Produktionsmittel, das die Faktoren Publikum und Event zusammenführt? Ein grotesker Gedanke, denke ich, das während einer laufenden Veranstaltung so nüchtern zu betrachten. Und schon bin ich wieder dran: die beiden Männerteams wollen aufs Feld gerufen werden.

816:24 – Schrecksekunde!

Ich gebe Alles, aber ich merke, dass meine Erkältung so langsam zuschlägt. Das Reinrufen verlangt meiner Stimme doch mehr ab, als ich dachte und ich merke, wie die Stimme etwas rau und brüchig wird. Fünf Namen von den „Häflern“ (so nennen sich die Friedrichshafener Jungs selbst) muss ich noch hinter mich bringen, dann darf ich einen Schluck trinken. Mit Konzentration und viel Stimme „aus dem Bauch“ heraus (das fällt mir nicht schwer) bringe ich auch diese Hürde hinter mich. Schade, dass das Spiel der Männer in einem Satz schnell erzählt ist. Friedrichshafen drei, Berlin null. Zwar soll ja Sport bekanntlich ergebnisoffen sein, aber ich und das Publikum hätten mit Sicherheit lieber ein spannendes Spiel gesehen.

918:00 – Siegerehrung und Abschlussact: Marquess

Die siegreiche Mannschaft: VfB Friedrichshafen

Die Siegerehrung steht an und damit ein ganz besonderer Moment bei diesem Supercup: der Ablauf ist brillant inszeniert und sorgt beim Publikum für Gänsehaut. Die beiden Siegerteams werden parallel geehrt und als beide Teams gleichzeitig die Pokale in die Höhe strecken, setzt unter einem riesigen Lichtspektakel das erste Lied von Marquess ein. Matthias Killing weiß, dass er ab jetzt genau 40 Sekunden „Ramp“ (so nennt man den Teil des Liedes, bei dem zu Beginn Musik läuft, aber noch kein Gesang eingesetzt hat) zur Verfügung hat, um beiden Teams zu gratulieren und das Geschehen zu kommentieren. Punktlandung! Genau zum richtigen Moment setzt der Gesang von Marquess in der Halle ein. Nach einem Minikonzert von fast einer Stunde, darf ich die Veranstaltung abmoderieren.

1020:45 – Im Flieger zurück

Eigentlich bin ich todmüde. Aber das Adrenalin und die Glücksgefühle, dass alles so gut geklappt hat, halten mich im Flieger wach. Ich rekapituliere das Geschehen und übe Manöverkritik. Im Großen und Ganzen bin ich bis auf Feinheiten mit meiner eigenen Performance sehr zufrieden. Was mich aber besonders glücklich macht, ist, dass ich Teil eines Volleyball-Meilensteins sein durfte. Nicht nur, weil es der erste Supercup überhaupt war oder etliche andere Premieren stattfanden. Sondern auch, weil mich das Veranstaltungskonzept überzeugt hat.

Volleyballsport mit Live-Acts zu verquicken, eröffnet neue Zielgruppen und bringt Menschen in Volleyballarenen, die vielleicht nicht sportaffin sind. Diese können dann von der Sportart Volleyball als Zuschauersport überzeugt werden. Auf jeden Fall steigert es die tiefere Einbindung des Publikums in das Geschehen. Die Presentership von Sat.1 hat zudem eine Gatekeeperfunktion und die Veranstaltung in Medien gebracht, die dem Volleyballsport zuvor verschlossen standen. So wurden im Nachgang an die Veranstaltung Berichte auf ProSieben MAXX sowie im Sat.1-Frühstücksfernsehen gezeigt.

Bleibt die Hoffnung, dass sich der Supercup nächstes Jahr dementsprechend von den Zuschauerzahlen her weiterentwickelt und sich als Veranstaltung etabliert. Und während ich den hell erleuchteten Städten, die als Leuchtpunkte am Flugzeugfenster vorbeifliegen, hinterherschaue, hoffe ich, dass auch 2017 mein Telefon klingeln könnte mit dem Anruf der Volleyball Bundesliga und der Bitte, den Supercup ein zweites Mal zu moderieren.

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Daniel R. Schmidt ist 34 Jahre alt und Student an der IST-Hochschule für Management im Studiengang Sportbusiness Management. Er arbeitet für die Volleyball Bundesliga in Berlin ehrenamtlich als einer von drei Mentoren des „Kompetenzteam Eventisierung“. Er ist als freier Moderator, Sprecher und Journalist tätig und hat bereits für Radio und TV gearbeitet sowie zahlreiche hochklassige Sportevents am Mikrofon begleitet. Darunter unter anderem Frauenfußball- und Frauenvolleyball-Bundesligaspiele sowie die Volleyball-Europameisterschaft 2013 und den Volleyball Supercup 2016. Weitere Informationen unter www.danielschmidt.com .

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