Wenn Eventisierung den Sportmoment tötet

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Zu viel Eventisierung bei der Meisterfeier schadet.
Zu viel Eventisierung bei der Meisterfeier schadet.

Eventisierung kann man auch übertreiben. Als der FC Bayern München zum 27. Mal die Deutsche Meisterschaft feiern durfte, waren die Feierlichkeiten dazu inszeniert wie nie zu vor. Seitens des Clubs wurde extra eine Eventagentur zu Rate gezogen, um eine professionelle Inszenierung und Umsetzung vor Ort zu gewährleisten. Und beide zusammen zeigten, wie eine Überinszenierung eines eigentlich positiven, freudigen Ereignisses in einer peinlichen und unsportlichen Negativwahrnehmung enden kann. Bei der Analyse der Meisterfeierlichkeiten als Event lassen sich aus meiner Sicht fünf direkte Fehler bennenen:

1Ausbooten von Anspruchsgruppen

Bereits im Vorfeld haben die Eventplaner der Meisterschaftsfeier einen kapitalen Fehler begangen. Sie haben ihre eigenen Fangruppen aus der Inszinierung des Events ausgebootet. So sollen seitens des FC Bayern zwei von der Eventagentur inszenierte Fan-Choreografien arrangiert worden sein — ohne Wissen und Koordination mit den Fanclubs. So veröffentlichte der FCB-Fanclub „Club Nr. 12“ vor der Veranstaltung eine Stellungnahme, in der er aufforderte, (Zitat der Stellungnahme) „sich NICHT nach den Anweisungen von Stadionsprecher Stephan Lehmann zu richten“, da man Verwirrung der Zuschauer mit der fanclubeigenen Choreografie fürchtete. Man wolle sich zudem nicht an bezahlten Aktionen, die einer gesunden Fankultur entgegenstünden, beteiligen.

Bereits der Blick auf die theoretische Wertschöpfungskette eines Sportevents hätte den Verantwortlichen eigentlich in Erinnerung rufen müssen, dass das Ausbooten der Fans als externer Produktionsfaktor die Event-Endkombination untergraben und gar nicht zu einer emotionalen Inszenierung hätte führen können.

2Der Umgang mit dem Gegner

Schlimm genug, dass die Fußball-Bundesliga so langweilig wie lange nicht verlief und der FC Bayern mit 15 Punkten Vorsprung die Meisterschaft schon weit im Voraus für sich entschieden konnte. Noch schlimmer, dass die Münchener durch die Inszenierung des finalen Spieltages mit seiner Meisterkrönung völlig ausblendeten, dass es für den angereisten Gegner, den SC Freiburg, noch um einiges ging, nämlich um den Einzug in die Europa League. Das Spiel war also aus Sicht der Breisgauer alles andere als ein „Freispiel“.

Beste Voraussetzungen also den Gegner, der heiß wie Frittenfett auf dieses Spiel war, in die Inszenierung des Spieltags zu integrieren. Um in der Sinnbildlichkeit des Fußballs zu bleiben, eigentlich ein „Elfmeter ohne Torwart“ für die Eventmacher. Stattdessen schien der SC Freiburg nur Nebendarsteller in einer bayerischen Selbstbeweihräucherung, was den FC Bayern verleitete, gleich noch Fehler Nummer 3 zu begehen.

3Fehlende Event-Priorisierung

Dass dem eigentlichen Zentrum der Feierlichkeiten, nämlich dem 34. Spieltag mit seiner Bundesliga-Begegnung FC Bayern München vs. Sportclub Freiburg eine falsche Event-Priorisierung beigemessen wurde, zeigt das Desaster der Halbzeitpause. Superstar Anastacia trat in einer aufwendigen Show auf und überzog die offizielle Halbpause kräftig. Als Bonus gab es Probleme beim Bühnenabbau. Das Spiel in der Allianz Arena wurde so spät erst wieder angepfiffen, dass in den anderen Stadien bereits die 54. Minute auf den Anzeigetafeln zu sehen war. So erscheint der Ärger von SC-Trainer Christian Streich mehr als verständlich, der sich in den Interviews im Anschluss an die Partie mehr als genervt gezeigt hatte. Er erhielt dafür sogar regen Zuspruch von Bayern-Spielern, denen das Geschehen mehr als unangenehm schien.

Es bleibt unverständlich, warum der FC Bayern die sorgfältige Durchführung des letzten Heimspiels, also die eigentlich auf Eins zu führende Eventpriorität, über den Haufen warf. Der FCB muss sich im Nachgang gefallen lassen, in den Medien mit einem peinlichen Auftritt und Unsportlichkeit assoziiert zu werden.

4Eventisierung ohne Emotion

Ein Meistertitel ist eigentlich ein überwältigendes Ereignis für jeden Fußballfan. Früher war es das auch noch für die Sportler. Aber wohl kaum eine Meisterschaftsfeier war emotionsloser wie diese. Symbol dafür dürfte die GoPro-Kamera am Bierseidel gewesen sein, die alle Medien in der Nachberichterstattung in Szene setzten. Die Fußballspieler wirkten fast genötigt, den Biersponsor durch das Verschütten mit Hopfensaft in Szene zu setzen. Gerade diese Bierduschen hatten nichts mehr von einem Gefühl der Party-Anarchie, sondern waren humorfreies Eventdrehbuch. Wo sind eigentlich die Spieler geblieben, die noch mit den Fans gemeinsam Bier während der Meisterschaftsfeier trinken?

5Zu viel Professionalität

Was waren das noch für Zeiten, als DFB-Präsidenten bei Meisterschaftsfeiern ausgebuht wurden, TV-Bilder von nackigen Spielern in Entmüdungsbecken gezeigt wurden und Spieler allerhand Unfug bei Autocorsos durch die Großstädte dieser Republik machten. Die heutige Generation von Spitzensportlern schaut gelangweilt (entschuldigung, sie schauen „cool“) und ist eher damit beschäftigt, mit Instagram-Stories Reichweite zu erzeugen, als ausgelassen auf dem Rathausbalkon zu feiern. Zumindest sieht das beim FC Bayern so aus.

Das Event ist so minutengenau durchgetaktet und durchinszeniert, dass die einzige Emotion, die überhaupt vermittelt wird, die ist, als Philipp Lahms Stimme bei seiner Dankebotschaft an die Fans auf dem Rathausbalkon ein wenig zittrig wird. Beim Fahnenschwenken mit den Fans wird endgültig sichtbar, wie genervt die Spieler von dem Trubel tatsächlich sind. Die Fotostrecken im Nachgang belegen die getöteten Meisterschaftsemotionen, die nur hätten gerettet werden können, wenn ein wenig Improvisation erlaubt gewesen wäre. Aber die tötet wiederum die zeitgenau getaktete Inszenierung.

Fazit

Dass sich der FC Bayern und seine Partner-Eventagentur mit dieser Meisterschaftsfeier keinen Gefallen getan haben, lässt sich im Presseclipping ablesen. Attribute wie unsportlich, unprofessionell und überinszeniert sind in den Kommentaren der Journalisten zu lesen. Sie sind Beleg dafür, dass der FC Bayern München den Bogen der Inszenierung schlichtweg überspannt hat. Sollte die Bundesliga auch im Jahr 2017/2018 so „spannend“ bleiben, wie dieses Jahr, wird der FCB schon nächstes Jahr eine neue Chance für eine emotionale Meisterfeier in der Allianz Arena erhalten.

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Daniel R. Schmidt ist 34 Jahre alt und Student an der IST-Hochschule für Management im Studiengang Sportbusiness Management. Er arbeitet für die Volleyball Bundesliga in Berlin ehrenamtlich als einer von drei Mentoren des „Kompetenzteam Eventisierung“. Er ist als freier Moderator, Sprecher und Journalist tätig und hat bereits für Radio und TV gearbeitet sowie zahlreiche hochklassige Sportevents am Mikrofon begleitet. Darunter unter anderem Frauenfußball- und Frauenvolleyball-Bundesligaspiele sowie die Volleyball-Europameisterschaft 2013 und den Volleyball Supercup 2016. Weitere Informationen unter www.danielschmidt.com .

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